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Der Engel von Ballenberg...

Frank knöpfte seine Windjacke zu, Ihn schauderte. Der Winter am Rhein zeigte sich nasskalt. Rosie stupfte den Jungen in die Seite: „Nun sag schon – Was ist los? Du bist ja noch trüber als das Wetter!“ Rosie und Frank gingen beide in dieselbe Klasse – sie waren unzertrennlich. Nach den Hausaufgaben spazierten sie am Rhein entlang – nun fröstelte beiden. „Ach – meine Alten haben wieder Zoff- Nicht Krach – einfach diese eisige Stimmung. Sie reden kaum ein Wort miteinander. Mein Vater stresst sich im Geschäft, weil sie immer mehr Leute entlassen – und  meine Mutter ist unzufrieden, weil sie aus der Wohnung wegmöchte...“

„Aber ihr wohnt doch schön...“ 

„Na ja – es ist eng. Drei Zimmer für drei Leute. Ich muss immer an die alten, gemütlichen Häuser auf dem Ballenberg denken. Besonders an das Ostermundigen-Haus und an Göpfi, der im Sommer dort auf der Bank sass. Und Kuckuckspfeifen schnitzte...“ Der Bub holte eine kleine Holzpfeife hervor und schaute etwas unsicher zu Rosie: „Das findest du sicher kindisch...“ Sie nahm ihm das Instrument aus der Hand. Blies hinein. Und ein Kuckucksruf ertönte. Sie strahlte: „Nein – das finde ich ganz wunderbar...“ Zum ersten Mal an diesem Tag ging ein Sonnenleuchten über Franks Gesicht: „Das war in den Sommerferien...“

Frank hatte jene Wochen in Brienz mit seinen Eltern genossen. Endlich hatten sie Zeit für ihn – und auch Zeit füreinander. Sie unternahmen Ausflüge – wie an jenem Tag zum Freilichtmuseum. Frank war begeistert gewesen: die wunderschönen alten Häuser hatten ihn fasziniert. Er spürte ihren Frieden. Am besten hatte ihm das Ostermundigen-Haus gefallen – mit diesem tiefen Dach, das die Menschen beschützt wie zwei Engelsflügel. Ein alter Mann hatte vor dem Haus auf einer alten Holzbank gesessen. Und Kuckuckspfeifen geschnitzt.

„Es ist wunderschön hier ...“, hatte Frank eine Unterhaltung mit dem bärtigen Männchen angeknüpft. Der Alte schaute von seiner Schnitzerei auf: „Hmmmhhh...“„...und diese Häuser! Nicht einfach weisse Wände und Rollläden wie bei uns in der Stadt...“

Frank hatte jene Wochen in Brienz mit seinen Eltern genossen. Endlich hatten sie Zeit für ihn – und auch Zeit füreinander. Sie unternahmen Ausflüge – wie an jenem Tag zum Freilichtmuseum. Frank war begeistert gewesen: die wunderschönen alten Häuser hatten ihn fasziniert. Er spürte ihren Frieden. Am besten hatte ihm das Ostermundigen-Haus gefallen – mit diesem tiefen Dach, das die Menschen beschützt wie zwei Engelsflügel. Ein alter Mann hatte vor dem Haus auf einer alten Holzbank gesessen. Und Kuckuckspfeifen geschnitzt.

„Es ist wunderschön hier ...“, hatte Frank eine Unterhaltung mit dem bärtigen Männchen angeknüpft. Der Alte schaute von seiner Schnitzerei auf: „Hmmmhhh...“„...und diese Häuser! Nicht einfach weisse Wände und Rollläden wie bei uns in der Stadt...“

Heidi Kurz rief noch einmal ihren Mann in Büro an: „Er ist von der Schule nicht heimgekommen. Wir müssen etwas unternehmen, Hans!“ Später erfuhren die beiden, dass Frank die Schule am Tag vor dem Heiligen Abend geschwänzt hatte.

Hans nahm seine Frau bei der Hand: „Komm – wir müssen zur Polizei.“ Sie weinte. Und er nahm sie in den Arm: „ Jetzt denke nicht gleich ans Schlimmste...“

Der Ballenberg war eine Schneelandschaft – die Häuser trugen weisse Pelzhüte. Frank stapfte durch den Schnee zum Ostermundigen-Haus. Aber da war niemand.

„Was tust du hier?“, rief eine Frauenstimme.

Frank zuckte zusammen: „Ich will zu Göpfi.“ – Die Frau schaute den Jungen lange an: „Komm – du bist ja total verfroren. Ich werde dir beim Kassenhaus einen Tee brauen!“

Als sie ihm die dampfende Tasse zuschob, fragte sie leise: „Was willst du von Göpfi?“

„Ich wollte mit ihm reden...“

Die Frau hatte gerötete Augen: „Er ist vor fünf Tagen gestorben. Friedlich eingeschlafen – in seinem Brienzer Haus. Er war mein Vater.“

Der Polizist schaute Rosie in die Augen: „Maitli, wenn du etwas weißt – dann sag’s jetzt!“

„Ich habe Frank versprochen, nichts zu verraten ...“

Heidi Kurz kniete vor Rosie hin: „Kind, ich weiss, er hatte es in letzter Zeit nicht einfach. Wir hatten zu wenig Zeit für ihn. Aber ich verspreche dir, das wird sich ändern ... wo ist er?“

Rosie scharrte mit den Füssen. Dann gab sie sich einen Ruck: „ Dort, wo er sich wohl fühlt – beim Ostermundigen-Haus...“

Als Frank im Zug mit seinen Eltern nach Hause fuhr, schaute er aus dem Fenster. Es war Heiliger Abend. Die Familie hatte die Nacht in einer Brienzer Pension verbracht. Und die Eltern hatten lange mit ihrem Sohn geredet.

Tausende von Lichtern tanzten am Eisenbahnfenster vorbei – fast konnte sich Frank auf den Heiligen Abend zu Hause freuen.

„Haben wir einen Baum?“ fragte er unsicher.

„Lass dich überraschen...“

In der Dreizimmerwohnung war es kühl. Der Vater stellte die Heizung höher. Dann schob er Frank ein Paket zu: „Da lag vor der Türe... kam wohl mit der Post.“

Frank löste die dicke Schnur und hob den Deckel von einer alten Schuhschachtel. Ein hölzerner Engel lächelte ihm entgegen – geschnitzt. Mit zwei wunderschönen Flügeln. Eine Karte lag dabei: „Ich habe die Reise angetreten – der da bleibt bei dir. Und wird dich beschützen!“

Frank weinte hemmungslos. Sein Vater nahm ihn in die Arme – und die Mutter zündete die Kerzen am kleinen Weihnachtsbaum an.

In all dem Leid spürte Frank erstmals diese Wärme, die er im Sommer in jenem Ostermundigen-Haus gefühlt hatte. „Frohe Weihnachten“, sagte nun auch seine Mutter. Sie nahm die Hände ihrer beiden Männer – still stand die Familie vor dem funkelnden Baum. Und die Kerzen blendeten sie.

(minu)